| Scream Magazine |
HAGEN - Ikea-Power |
| Auch 2 Jahre nach seiner Entstehung ist Corridors Of Time ein bemerkenswertes
Debüt. Neben ihren musikalischen und kompositorischen Fähigkeiten bewähren
sich HAGEN auch noch als kulturelle Botschafter ihrer Heimat. Wie die Sechs
schwedische Folklore in ihren Sound integrieren, läßt einen die CD immer
wieder auflegen. Kein Wunder, denn sie war zuerst da, als die Rosén-Brüder
Hans (bass) und Anders (violin) HAGEN ins Leben riefen. Das ist übrigens
auch der Name des Studios, in dem der Silberling aufgenommen wurde. Hans
erklärte mir, daß es in Schweden in fast jeder Stadt ein Viertel namens
"Hagen" gebe. Er hätte am liebsten die komplette Band an die Strippe geholt,
doch die Telefongesellschaft erklärte ihm, daß dann das ganze System zusammenbrechen
würde. Ach so, mein zweiter Gesprächspartner war Sänger Michael Ohlsson.
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Wie seht ihr heute "Corridors Of Time"? Für euch ist die Scheibe ja schon 2 Jahre alt. |
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Michael: Ich hatte sie mir seit ihrem Erscheinen lange nicht mehr
angehört. Als ich das jetzt wieder tat, dachte ich: "Wow! War es wirklich
so gut?!" Ich war ziemlich überrascht! |
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Und egal wie oft ich die Platte höre, sie behält ihre Qualität, ihre Spannung und Aufregung. |
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Michael: Das empfinde ich ebenso. Ich habe das Gefühl, daß sie in
10 Jahren noch genauso gut klingen wird. |
| Scream:
Das Bild von Zeitkorridoren ist sehr aufrgend. Was meint ihr damit? Wie sehen diese Korridore aus? Und in welche Zeit führen sie? |
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Michael: In jede Zeit! So sehe ich es. Ich denke es mir als einen
endlosen Korridor in Zeit und Raum, wo man überall hinkommt, in die Zukunft
oder in der Zeit zurück. Vielleicht betrittst du eine Traumwelt oder etwas
in der Art. Vielleicht sind unsere Träume die "corridors of time"! |
| Scream:
Du sagst "Traumwelt". Meinst du so etwas wie das Cover-Artwork? Kann das eine Szene aus einem Traum sein? |
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Michael: Ja. Und ich bin überrascht, wie gut Stephanie (Law) das
Cover hingekriegt hat, denn für mich sieht es einer Traumlandschaft sehr
ähnlich. Es wirkt auch sehr real meiner Meinung nach, wie die schwedischen
Wälder. Genauso wie ich es mir vorstelle! |
| Scream:
Ein sehr auffälliges Merkmal eurer Musik ist eine gewisse Melancholie. Rührt die nur von der Folklore her? Oder steckt sie in eurer Musik an sich oder gar in euch? |
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Hans: Ich bin ein sehr melancholischer Typ. Das war ich schon immer.
Und ich habe immer schon diese Art von Musik gehört. Ich meine, du findest
Melancholie nicht bloß in Folklore. Natürlich bin ich stark von schwedischer
Folklore beeinflußt, sie ist in meiner Seele. Doch ich finde, die alten
BLACK SABBATH hatten z.B. ebenfalls viel Melancholie in ihrer Musik. |
| Scream:
Ist etwas Besonderes an schwedischer Folklore? Ich kann mir denken, daß sie für viele schwer von z.B. schottischer zu unterscheiden ist. Es werden traditionelle Instrumente gespielt, Stimmungen, Tempi und Rhythmen sind ähnlich... |
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Hans: ...oder irische! Sie sind miteinander verwandt. Das Beispiel
ist vielleicht etwas unglücklich gewählt, aber für einen Weißen ist es schwierig,
Schwarze auseinder zu halten. Verstehst du, was ich meine? Aber wenn du
genau hinhörst, ist es leicht, irische von schwedischer Folklore zu unterscheiden.
Beide enthalten eine Unzahl verschiedener Stile. Für einen Skandinavier
ist das ganz offensichtlich. So enthalten etwa For Kristina und Mother Nature
einen speziellen Rhythmus, sehr wilde Melodien. Der Beat ist äußerst ungewöhnlich.
Ich habe im Internet gesehen, daß die Leute uns die ganze Zeit mit keltischer
Musik vergleichen. Das kann ich zwar nicht nachvollziehen, aber ich verstehe
vollkommen, was du meinst. |
| Scream:
Desweiteren finde ich die Reihenfolge der Songs bemerkenswert. Ihr startet mit einer Ballade, danach kommt ein ziemlich heftiges Instrumentalstück. Die meisten würden es umgekehrt machen. Das ist zunächst ein wenig irritierend, aber wenn man erst einmal in die Musik eingetaucht ist, entpuppt es sich als der perfekte Anfang. |
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Hans: Ich würde sagen, es wirkt wie eine Overtüre - freilich eine
sehr lange, haha. Wir haben uns mit Hans (Lundin, keyboards) zuerst
ein bißchen gekabbelt deswegen, weil sich A Summer Air als Opener nicht
unbedingt anbietet oder gar aufdrängt. Jetzt sind wir aber voll zufrieden,
daß wir es durchgezogen haben. Wir waren anfangs skeptisch, aber es funktioniert
hervorragend. |
| Scream:
Ich kenne das Original Visan I Sommaren nicht, aber weshalb habt ihr euch gerade dieses Lied von KAIPA zum Überarbeiten ausgesucht? |
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Hans: Ich habe schon als Teenager KAIPA gehört. Hans Lundin
war einer der letzten, die in die Band kamen, und eines der wichtigsten
Dinge bei HAGEN ist, daß sich jedes Mitglied am Songwriting beteiligt. Hans
war jedoch so spät dran, daß er zu unserem eigenen Material nichts mehr
beisteuern konnte. Wir überlegten, wie doch noch etwas von ihm auf unsere
Scheibe kommen könnte und schlugen ihm diese Nummer vor. Es ist ein toller
Song. Er bringt mich zum Weinen, jedesmal, wenn ich das Original höre. Also
dachten wir: "Warum machen wir keine neue Version davon?", und er war einverstanden.
Auf unserem nächsten Album wird mehr Neues von ihm sein. Die Melodie ist
sehr "schwedisch", einfach wunderschön. |
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Michael: Es ist ein phantastischer Song. Wir dachten uns auch, wir
könnten ihn besser machen als das Original. Ich habe im Internet Reviews
über die KAIPA-Scheiben gelesen, in denen zu lesen war: "Schade, daß man
die Texte nicht verstehen kann." Das war ein weiterer Grund, einen der sehr
guten Titel von KAIPA ins Englische zu übertragen. Die Übersetzung von Kevin
Fickling ist ganz große Klasse, unheimlich nah am schwedischen Text. |
| Scream:
Wer ist Mikael Kring? |
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Hans: Mitten in den Aufnahmen bekam unser Gitarrist Per (Nilsson)
Schmerzen im Ellenbogen und durfte ein paar Monate nicht Gitarre spielen.
Per selbst schlug dann Mikael vor, da beide enge Freunde sind und wir das
Album fertigstellen mußten. Geschrieben wurden die Parts allerdings von
Per. Bei For Ulf hat er Mikael jede Note aufgeschrieben, die er spielen
sollte. |
| Scream:
Ehrlich gesagt, fand ich die rockigen Nummern zuerst nicht so prickelnd. Sie kommen zumindest bei mir von der Wirkung her nicht gegen die ruhigen Sachen an. Meint ihr auch, daß ihr das in Zukunft besser ausbalancieren müßt, die Rocksongs aufregender gestalten? |
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Hans: Nun, was denkst du, Sänger Michael? Michael: Die Rockstücke fallen gegen den Rest tatsächlich ab, sind nicht so gut, wie sie sein könnten. In uns steckt aber noch soviel, daß ich mir diesbezüglich keine Sorgen mache. Wir werden uns entwickeln. Alles wird einheitlicher klingen und sich auf einem Level bewegen. Wir werden eine bessere Platte machen. |
| Scream:
Was mir an den Texten besonders gefällt, ist, daß sie tiefsinnig sind und dennoch von jedem nachvollzogen werden können. Das beste Beispiel ist Questions. |
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Michael: Darin habe ich mir überlegt, warum wir diese oder jene Wahl
treffen. Es geht auch um Gut gegen Böse, DIE Frage der Menschheit. Das wird
immer so sein. Kann ein Mensch böse geboren werden? Wie groß ist der Einfluß
der Umwelt auf seine Entwicklung? Ich persönlich glaube nicht, daß jemand
von Geburt böse sein kann. |
| Scream:
Als ich Afraid und Remember hörte und las, dachte ich bei mir, ob sie wohl inhaltlich zusammenhängen. |
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Hans: Deshalb stehen sie am Ende der Platte, in dieser Reihenfolge.
Das beantwortest du besser, Sänger Michael, haha. |
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Michael: "Afraid" wirft weitere Fragen auf. Ich arbeite als Lehrer;
ich kenne die Teenager, um die es in dem Text geht. Es ist ein trauriger
Song, doch dann baut "Remember" dich wieder auf und erklärt in gewisser
Weise alles: "Love is what matters, the power that gathers." |
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Hans: Noch was zu "Remember": Ganz am Anfang von HAGEN haben mein
Bruder und ich Demos gemacht, ganz simple Dinger auf einem 4-Spur-Gerät
(sprich Radiorecorder - MS). Wir waren auf der Suche nach Songs. Dabei hatte
Anders irgendwo in England einen Mikrofilm aufgestöbert. Der handelte von
einem Schweden, der so um 1500, 1550 in Westrußland als Musiker zugange
war. Seine Stücke waren total simpel, aber als wir sie spielten, fühlte
ich, daß er hinter mir stand. Er lächelte, er war so glücklich, daß jemand
nach hunderten von Jahren seine Songs spielte. Ich spürte es ganz deutlich.
Der Text zu "Remember" ist von diesem Gefühl inspiriert. Die Vorstellung,
daß jemand irgendwann in ferner Zukunft unsere Musik hört, und wir dann
mit im Raum sind und uns freuen, hat etwas Berauschendes. |
| Scream:
Das prägendste Element in eurem Sound ist natürlich die Violine. Kann das auch zur Last werden? Daß ihr sie in einen Song quetscht, obwohl der sie gar nicht braucht? |
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Michael: Nein, so läuft es nicht. Eher umgekehrt. Wir haben sogar
noch Parts rausgenommen, denn bevor ich in die Band kam, waren die meisten
Stücke Instrumentals. Da mußte erst einmal Platz für Gesang geschaffen werden. |
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Hans: Zu diesem Zweck mußten wir einige Songs umarrangieren. Ich
denke, dadurch haben sie noch einmal gewonnen. |
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Michael: Wäre ich von Beginn an in der Gruppe gewesen, enthielte
die Platte noch mehr Vocals als jetzt. |
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Hans: Ursprünglich waren es ja nur mein Bruder Anders und ich; Violine,
Baß und eine Drummachine. Mit jedem weiteren Musiker wurden die Songs verändert,
besonders nach dem Einstieg von Michael. Ein Sänger muß Raum haben. |
| Scream:
Michael, was unterrichtest du eigentlich? |
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Michael: Ich weiß nicht, ob es eine deutsche Fachbezeichnung dafür
gibt. Ich lehre die Jugendlichen alles mögliche - das Leben! Darum geht
es doch! Es ist außerordentlich wichtig, zu wissen, wer du bist, zu fühlen
und zu kommunizieren. Die Kinder heute... Sie spielen nicht so wie ich es
als Kind getan habe: gemeinsam mit vielen anderen. Wir erfanden unsere eigenen
Spiele, legten selbst die Regeln fest. Welches Kind kann das denn noch?
Die heutigen Hightech-Kids fühlen nicht. Sie diskutieren nicht miteinander.
Das beeinflußt auch unheimlich ihre Art zu lernen. Das wird gerne vergessen.
Dabei ist es so wichtig! Den Kids fällt es enorm schwer, konzentriert zu
arbeiten. |
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Hans: Ich erzähle dir etwas, was Michael gerne verschweigt:
Seine Klasse hat letztes Jahr bei einem Wettbewerb den ersten Preis gewonnen.
Der wurde sogar im Fernsehen übertragen! |
| Scream:
Was für ein Wettbewerb war das? |
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Michael: Ich kann es auf Englisch nicht exakt ausdrücken, aber es
war ein Wissenstest über Schweden, seine Geschichte, Kultur und so. Es ging
darum, wer wir sind und warum. Warum Schweden Schweden ist! Es war jedenfalls
kein stupides Faktenabfragen. |
| Scream:
Nochmal zu "Corridors Of Time" und zu meiner Eingangsfrage: Die anhaltende Wirkung eurer Musik ist ein Riesenpluspunkt gegenüber den zahllosen auf kurzfristige Zerstreuung abzielenden Combos. |
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Hans: Ja, das ist mir auch aufgefallen. Auch nach zwei Jahren kann
ich mir immer noch unsere Scheibe anhören und sie haut mich um wie beim
ersten Mal. Wie Michael eingangs bereits sagte: "Wow, haben wir das
gemacht?!" Dieses Gefühl packt mich bei jedem Hören wieder. |
| Scream:
Bedeutet das nicht, daß sich zumindest Teile der Musik selbst kreiert haben? |
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Michael: Ja, es steckt schon etwas Spirituelles darin, etwas Besonderes.
Es steckt in der Musik drin, es verschwindet nicht oder nutzt sich ab. |
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Hans: Ich kann es mir als ganz normaler Hörer reinziehen, und es
macht mich immer noch an. Ich denke gar nicht, daß das wir, HAGEN, sind,
sondern: "Diese Truppe ist geil!" Michael und ich haben schon viele
Platten und Demos aufgenommen, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. |
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Michael: Mir geht es genauso. Ich kann es mir anhören wie IRON MAIDEN
oder sonst eine Band und drauf abfahren wie ein Fan. Ein irres Gefühl! |
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Hans: Das Feeling war da im Studio, die ganze Zeit. Das konnte ich
genau merken. Um die Qualität zu beurteilen und sich eine objektive Meinung
zu bilden, braucht man zeitliche Distanz, aber nicht für das Gefühl. Wir
wußten ganz genau, daß wir an etwas Starkem arbeiteten. |
| Interview: Michael Schübeler |